Zuletzt in einer Einführungsvorlesung zum Denken von E. Kant fand ich folgendes Zitat folgendes Zitat von Kant besonders interessant, wo er von der Aufgabe/dem Anspruch der Wissenschaften neben der Mehrung "der Geschicklichkeit des Menschen" Stellung nimmt. Ihm zufolge bedürfen Wissenschaften der Nützlichkeit für den Menschen und das Wissen um die menschliche Pluralität, nur dadurch begründet sich ihre Humanität. Haben Sie dieses Bewusstsein nicht, sind sie nach Kant einäugig oder "Cyclopen". Wohl bekomms:
Ausser der Geschicklichkeit ist das, was die Wissenschaften geben, dass sie civilisieren, d. i. die Rauhigkeit im Umgange wegnehmen, ob sie gleich nicht immer polieren, d. i. das Gefällige und Gesittete des Umganges geben, weil die Popularität aus Mangel des Umgangs mit verschiedenen Ständen fehlt. Allein in Ansehung des bescheidenen Urteils über den Wert seiner eigenen Wissenschaft und der Mässigung des Eigendünkels und Egoismus, den eine Wissenschaft gibt, wenn sie allein im Menschen residiert, ist etwas nötig, was dem Gelehrten Humanität gebe, damit er nicht sich selbst verkenne und seinen Kräften zu viel zutraue. Ich nenne einen solchen Gelehrten einen Cyklopen. Er ist ein Egoist der Wissenschaft, und es ist ihm noch ein Auge nötig, welches macht, dass er seinen Gegenstand noch aus dem Gesichtspunkte anderer Menschen ansieht. Hierauf gründet sich die Humanität der Wissenschaften, d. i. die Leutseligkeit des Urteils, dadurch man es andrer Urteil mit unterwirft, zu geben. Die vernünftelnden Wissenschaften, die man eigentlich lernen kann, und die also immer anwachsen, ohne dass das Erworbene eine Prüfung und Fiskalisierung nötig hätte, sind es eigentlich, darin es Cyklopen gibt. Der Cyklop von Litteratur ist der trotzigste; aber es gibt Cyklopen von Theologen, Juristen, medids, auch Cyklopen von Geometern.
Einem jeden muss ein Auge aus besonderer Fabrik beigesellt werden, dem Medicus Kritik unsrer Naturerkenntnis, dem Juristen unsrer Rechts- und Moralerkenntnis, dem Theologen unsrer Metaphysik, dem Geometer Kritik der Vernunfterkenntnis überhaupt. Das zweite Auge ist also das der Selbsterkenntnis der menschlichen Vernunft, ohne welches wir kein Augenmass der Grösse unserer Erkenntnis haben. Jene gibt die Standlinie der Messung.
Verschiedene von diesen Wissenschaften sind so bewandt, dass die Kritik derselben ihren innem Wert sehr schwächt; nur die Mathematik und Philologie halten dagegen Stich, imgleichen die Jurisprudenz; daher sind sie auch die trotzigsten. Der Egoismus rührt daher, weil sie den Gebrauch, welchen sie von
der Vernunft in ihrer Wissenschaft machen, weiter ausdehnen und auch in andern Feldern fiir hinreichend halten.
Nicht die Stärke, sondern das Einäugige macht hier den Cyklopen. Es ist auch nicht genug, viele andere Wissenschaften zu wissen, sondern die Selbsterkenntnis des Verstandes und der
Vernunft: Änthropologia transscendentälis. (Relexion 903, Kant's gesammelte Werke, Akademie der Wissenschaften)
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