Login
Profile der Autoren
x-hoch-n gefällt mir

Newsletter

RSS


Suche

Impressum

Artikelansicht

« zurück zur Profilseite von xn
« zurück zum Artikelhaufen
erstellt am 21.05.2009
Kategorie Die Gedanken sind frei

Ist dir langweilig?

Über das Wesen der Langeweile sind vielfach irrige Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im ganzen, dass Interessantheit und Neuheit des Gehaltes der Zeit "vertreibe", das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und "langweilig" machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit.

Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zum Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen. Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts- und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechslung. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen [...], ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen.


Aus Der Zauberberg von Thomas Mann, Kapitel Exkurs über den Zeitsinn
Soziales Dings
Schreibe einen Kommentar
Die aktivsten Autoren:
infrarouge
egon
ich bins
Jule
lydi
lydi
WHO WE ARE
Rike
Homo faber
xn
Weitere Autoren:
babs @ x-hoch-n
babs
ich bins
Driz
spallanzani
elli
ich bins
iZac
ich bins
jane
ich bins
kb
liebe!
soe
drum singet ihr
supf
ich bins
sus
ich bins
talu
Gerade ist keiner online.
xn war heute schon eingeloggt.