Warum denke ich bei Obermeier immer gleich an Uschi und nicht an den Mitbegründer und Mitherausgeber der Zeitschrift der blaue reiter? Ein paar sehr interessante und einfach zu lesende Gedanken hat er im Interview mit eben jener Zeitschrift abdrucken lassen (Den Anfang des Interviews gibt es auch als pdf im Heftlayout). Damit ihr nicht gleich vom Text erschlagen werdet, einfach bei Interesse für Textwüsten auf "Gib mir mehr Text" klicken. Auch wenn das Thema des Hefts aus dem das Interview stammt "Philosophie im Gespräch II" heißt, gleicht doch eher einem Monolog. Aber lassen wir Uschi, ähm Obermeier doch einfach mal reden:
Es gibt für mich keinen Aspekt des Lebens, über den man nicht nachdenken konnte. Tiermedizin ist ein schönes Studium, das auch viel mit Philosophie zu tun hat. Zum Beispiel die vergleichende Anatomie. Wie klassifiziert man eigentlich? Warum sind Fische eine Gruppe? Das ist überhaupt nicht so klar, wie man meint. Auch der Begriff der Krankheit ist ein schwieriges Problem, das immer irgendwie mit Philosophie verbunden ist. Ich habe eine Leidenschaft dafür, über Grundprobleme nachzudenken. [...]
Zu meiner Studienzeit gab es Lehrbücher wie Der Grundriss der tierischen Reproduktion [[Anmerkung: Gibt es das Buch überhaupt? Google schweigt]], in denen das Tier nur als Maschine gesehen wurde. Damals kam auch die Massentierhaltung auf. Einmal habe ich eine riesige Massentierhaltung von Kaninchen angeschaut. Zigtausend Tiere auf einem Haufen - die Ohren waren alle abgefressen, das Fell raus gerissen, grauenhaft. Das war mir zu viel. Da habe ich dann beschlossen, dass ich nicht der verlängerte Arm dieser Art der Produktion sein möchte und habe begonnen Philosophie, Soziologie und Wissenschaftstheorie zu studieren.
Die Wissenschaft hat unendlich Interessantes herausgefunden, wie zum Beispiel die mehrfache Entzauberung des Menschen: Dass der Mensch nicht im Mittelpunkt des Kosmos steht, dass der Mensch nicht in 6 mal 24 Stunden hergestellt worden ist, dass der Mensch — das ist für uns wohl das Erschütterndste — nicht Herr im Hause seiner Vernunft ist, wie Freud gesagt hat. Die Vernunft ist ein mächtiges Instrument, aber offensichtlich können wir damit nicht umgehen. [...] In diesem Sinne ist die Naturwissenschaft für mich ein tolles Instrument der vernünftigen Entzauberung der Welt. Sie ist aber auch ein Instrument, das uns in den Abgrund eines technologischen Gottes stürzen kann.
Was das Interesse an Popper betrifft, so war das furchtbar einfach. Ich habe mir gedacht: Jetzt schau ich mir mal an, wie so ein Brunfthirsch der Philosophie die Wissenschaft betrachtet. Ich bin ja selbst lange genug im Labor gestanden. Ich habe seine Logik der Forschung gelesen. Das war furchtbar für mich! Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Poppers Wissenschaftstheorie logisch und empirisch völlig falsch ist, sie entspricht einfach nicht der Forschungswirklichkeit. Die Absicht von Popper war ja edel. Er wollte sozusagen den Rationalismus vor dem Skeptizismus, der den Zweifel zum allgemeinen Prinzip erhebt, retten. Er wurde berühmt, durch seine Jubelgeschichten über die Wissenschaft. Aber zu behaupten, dass der Wissenschaftler prinzipiell ein Wahrheitssucher sei, ist ein Treppenwitz [...]. Der Forscher geht auch nicht ins Labor und stellt jeden Tag alles in Zweifel, wie Popper behauptet. Ich bezweifle doch nicht permanent meine Sektionstechnik beim Fisch oder das Standardwissen über Krankheiten. Normalerweise versucht man das vorhandene Wissen auf konkrete Dinge anzuwenden. Im Grunde ist es wie ein Puzzle und man schaut halt, wie das zu untersuchende Phänomen irgendwie in sein Konzept passt.
Die Herren Rationalisten wollen immer ein zwingendes Verfahren, sie müssen immer entlang eines verdammten Systems philosophieren. Das ist auch die Tragik von Kant. ,,The most ingenious way of becoming foolish, is by a system" sagt Shaftesbury. Ich schätze, dass 6o% der Arbeit von Kant nur darin bestand, alles in sein System, das er in der Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat, irgendwie begrifflich unterzubringen. Einerseits ist es ja nicht schlecht, wenn man jedes Phänomen daraufhin untersuchen kann, wie und aufgrund welcher Merkmale es in ein System einzuordnen ist. Aber, wenn man nur in dieser Zwangsjacke steckt, dann ist das Denken tot. Deswegen ist mir die Sinnlichkeit so wichtig. Die Sinnlichkeit ist für mich die Quelle der Vielfalt.
Als man die Erde aus dem Zentrum des Kosmos torpedierte, gab es unendlich viele Schwierigkeiten, weil man noch nicht alle Planeten kannte [...] Trotzdem hat man das neue System übernommenen. Paradigmenwechsel, also Änderung der grundlegenden Annahmen, sind eher Machtwechsel. Man erhofft sich mehr Gewinn, mehr Nutzen von der neuen Theorie. In den Naturwissenschaften geht es tatsächlich primär nicht um Wahrheit, sondern um den materiellen, den operativen Nutzen: Schlägt das Antibiotikum an oder nicht? Ob die Theorie, warum es wirkt, wahr ist oder falsch, ist völlig egal [[Nun ja, dass glaube ich stimmt nicht so ganz. Aber gut, wir wissen was er will]]. Schon Peppers Buchtitel Logik der Forschung ist Murks, weil die Forschung nicht nur logisch vorgehen kann. Forschung ist eine Mischung aus Intuition, aus der Begeisterung der Leute, aus Begabungen, aus formalem Wissen und so weiter [[Ist das nicht in sich wieder logisch verknüpft?]]. Das ist etwas anderes als Logik.
Eines aber habe ich bei Pepper gelernt: Auch das Streben nach Rationalität macht nicht gefeit gegen Ideologien. Das ist für mich der Hauptgrund für eine fundamentale Bescheidenheit. Man kann noch so viel über etwas nachdenken, man wird nie zur Vollkommenheit gelangen. Schon deswegen bin ich der Meinung, dass das Denken unbedingt bunt werden muss.
Man kann Probleme von unendlich vielen Seiten betrachten. Man kann links oder rechts um einen Berg herum gehen, man kann direkt darüber steigen oder einen Tunnel hindurch graben, dabei wird man am ehesten blind. Die Naturwissenschaftler sind wie Tunnelgräber. Sie bohren sich in ein Problem, aber links und rechts darf nichts mehr sein. Ein Experiment kann man nur machen, wenn man 99,9% der Wirklichkeit ausschließt. Mit derart gewonnenen Erkenntnissen kann man den Anspruch, die Wirklichkeit umfassend zu beschreiben, vergessen. Noch schlimmer ist es, wenn die Damen und Herren Wissenschaftler von Wahrheit reden. Ich halte den Wahrheitsbegriff für einen in hohem Maße ideologischen Machtbegriff. Den haben sich die Philosophen von den Theologen abgeschaut, er ist sozusagen der Abkömmling der Offenbarung. Wahrheit gilt quasi als Offenbarung des Guten.
Gib mir mehr Text...
ENDE Teil 1. Wenn ihr mehr wollt, veröffentliche ich auch noch die restlichen Teile des Interview. Dafür sind 5 Kommentare notwendig. Also tippt was ein und strengt euch an. So wie ich beim zusammenstellen des Textes...
Gedämpfte Stimme aus dem Off: Herr Professor Obermeier, Sie haben als Tierarzt beim Staat und in der Industrie gearbeitet, dann Philosophie studiert, nebenbei ein Diplom in Politologie erworben und sind schließlich Professor für Philosophie geworden. Wie kommt man als Tierarzt zur Philosophie?
Es gibt für mich keinen Aspekt des Lebens, über den man nicht nachdenken konnte. Tiermedizin ist ein schönes Studium, das auch viel mit Philosophie zu tun hat. Zum Beispiel die vergleichende Anatomie. Wie klassifiziert man eigentlich? Warum sind Fische eine Gruppe? Das ist überhaupt nicht so klar, wie man meint. Auch der Begriff der Krankheit ist ein schwieriges Problem, das immer irgendwie mit Philosophie verbunden ist. Ich habe eine Leidenschaft dafür, über Grundprobleme nachzudenken. [...]
Zu meiner Studienzeit gab es Lehrbücher wie Der Grundriss der tierischen Reproduktion [[Anmerkung: Gibt es das Buch überhaupt? Google schweigt]], in denen das Tier nur als Maschine gesehen wurde. Damals kam auch die Massentierhaltung auf. Einmal habe ich eine riesige Massentierhaltung von Kaninchen angeschaut. Zigtausend Tiere auf einem Haufen - die Ohren waren alle abgefressen, das Fell raus gerissen, grauenhaft. Das war mir zu viel. Da habe ich dann beschlossen, dass ich nicht der verlängerte Arm dieser Art der Produktion sein möchte und habe begonnen Philosophie, Soziologie und Wissenschaftstheorie zu studieren.
GSaO: So gesehen war es beinahe natürlich, dass Sie das Studium der Philosophie mit einer Arbeit über Popper abgeschlossen haben, der im Medium der exakten Wissenschaften zu philosophieren begonnen hatte.
Die Wissenschaft hat unendlich Interessantes herausgefunden, wie zum Beispiel die mehrfache Entzauberung des Menschen: Dass der Mensch nicht im Mittelpunkt des Kosmos steht, dass der Mensch nicht in 6 mal 24 Stunden hergestellt worden ist, dass der Mensch — das ist für uns wohl das Erschütterndste — nicht Herr im Hause seiner Vernunft ist, wie Freud gesagt hat. Die Vernunft ist ein mächtiges Instrument, aber offensichtlich können wir damit nicht umgehen. [...] In diesem Sinne ist die Naturwissenschaft für mich ein tolles Instrument der vernünftigen Entzauberung der Welt. Sie ist aber auch ein Instrument, das uns in den Abgrund eines technologischen Gottes stürzen kann.
Was das Interesse an Popper betrifft, so war das furchtbar einfach. Ich habe mir gedacht: Jetzt schau ich mir mal an, wie so ein Brunfthirsch der Philosophie die Wissenschaft betrachtet. Ich bin ja selbst lange genug im Labor gestanden. Ich habe seine Logik der Forschung gelesen. Das war furchtbar für mich! Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Poppers Wissenschaftstheorie logisch und empirisch völlig falsch ist, sie entspricht einfach nicht der Forschungswirklichkeit. Die Absicht von Popper war ja edel. Er wollte sozusagen den Rationalismus vor dem Skeptizismus, der den Zweifel zum allgemeinen Prinzip erhebt, retten. Er wurde berühmt, durch seine Jubelgeschichten über die Wissenschaft. Aber zu behaupten, dass der Wissenschaftler prinzipiell ein Wahrheitssucher sei, ist ein Treppenwitz [...]. Der Forscher geht auch nicht ins Labor und stellt jeden Tag alles in Zweifel, wie Popper behauptet. Ich bezweifle doch nicht permanent meine Sektionstechnik beim Fisch oder das Standardwissen über Krankheiten. Normalerweise versucht man das vorhandene Wissen auf konkrete Dinge anzuwenden. Im Grunde ist es wie ein Puzzle und man schaut halt, wie das zu untersuchende Phänomen irgendwie in sein Konzept passt.
Die Herren Rationalisten wollen immer ein zwingendes Verfahren, sie müssen immer entlang eines verdammten Systems philosophieren. Das ist auch die Tragik von Kant. ,,The most ingenious way of becoming foolish, is by a system" sagt Shaftesbury. Ich schätze, dass 6o% der Arbeit von Kant nur darin bestand, alles in sein System, das er in der Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat, irgendwie begrifflich unterzubringen. Einerseits ist es ja nicht schlecht, wenn man jedes Phänomen daraufhin untersuchen kann, wie und aufgrund welcher Merkmale es in ein System einzuordnen ist. Aber, wenn man nur in dieser Zwangsjacke steckt, dann ist das Denken tot. Deswegen ist mir die Sinnlichkeit so wichtig. Die Sinnlichkeit ist für mich die Quelle der Vielfalt.
Als man die Erde aus dem Zentrum des Kosmos torpedierte, gab es unendlich viele Schwierigkeiten, weil man noch nicht alle Planeten kannte [...] Trotzdem hat man das neue System übernommenen. Paradigmenwechsel, also Änderung der grundlegenden Annahmen, sind eher Machtwechsel. Man erhofft sich mehr Gewinn, mehr Nutzen von der neuen Theorie. In den Naturwissenschaften geht es tatsächlich primär nicht um Wahrheit, sondern um den materiellen, den operativen Nutzen: Schlägt das Antibiotikum an oder nicht? Ob die Theorie, warum es wirkt, wahr ist oder falsch, ist völlig egal [[Nun ja, dass glaube ich stimmt nicht so ganz. Aber gut, wir wissen was er will]]. Schon Peppers Buchtitel Logik der Forschung ist Murks, weil die Forschung nicht nur logisch vorgehen kann. Forschung ist eine Mischung aus Intuition, aus der Begeisterung der Leute, aus Begabungen, aus formalem Wissen und so weiter [[Ist das nicht in sich wieder logisch verknüpft?]]. Das ist etwas anderes als Logik.
Eines aber habe ich bei Pepper gelernt: Auch das Streben nach Rationalität macht nicht gefeit gegen Ideologien. Das ist für mich der Hauptgrund für eine fundamentale Bescheidenheit. Man kann noch so viel über etwas nachdenken, man wird nie zur Vollkommenheit gelangen. Schon deswegen bin ich der Meinung, dass das Denken unbedingt bunt werden muss.
GSaO: Einer ihrer Aufsätze für den blauen reiter heißt auch den Titel Philosophie, ein bunter Hund.
Man kann Probleme von unendlich vielen Seiten betrachten. Man kann links oder rechts um einen Berg herum gehen, man kann direkt darüber steigen oder einen Tunnel hindurch graben, dabei wird man am ehesten blind. Die Naturwissenschaftler sind wie Tunnelgräber. Sie bohren sich in ein Problem, aber links und rechts darf nichts mehr sein. Ein Experiment kann man nur machen, wenn man 99,9% der Wirklichkeit ausschließt. Mit derart gewonnenen Erkenntnissen kann man den Anspruch, die Wirklichkeit umfassend zu beschreiben, vergessen. Noch schlimmer ist es, wenn die Damen und Herren Wissenschaftler von Wahrheit reden. Ich halte den Wahrheitsbegriff für einen in hohem Maße ideologischen Machtbegriff. Den haben sich die Philosophen von den Theologen abgeschaut, er ist sozusagen der Abkömmling der Offenbarung. Wahrheit gilt quasi als Offenbarung des Guten.
Gib mir mehr Text...
ENDE Teil 1. Wenn ihr mehr wollt, veröffentliche ich auch noch die restlichen Teile des Interview. Dafür sind 5 Kommentare notwendig. Also tippt was ein und strengt euch an. So wie ich beim zusammenstellen des Textes...
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